„An einer Ganztagesschule ist Musik auch ein Element, das zur Rhythmisierung eines Tagesablaufs beiträgt“, sagt Helmut Dinkel. Was er damit meint: Musikstunden würden oft am Vormittag eingeplant, zum Beispiel zwischen Englisch und Mathe, um die positiven Effekte von Musik noch gezielter nutzen zu können.
Musiklehrer Daniel Joos geht weiter: „KI übernimmt immer mehr Teile des Lebens. Für eine umfassende Menschenbildung im 21. Jahrhundert braucht es neue Skills, Soft Skills, die in den Fächern Musik, Kunst, Sport und Handwerken leichter als in anderen Fächern entwickelt werden können. Eine der wesentlichen Kompetenzen wird die Auseinandersetzung mit Gefühlen sein. Maschinen können so viel und exponentiell besser als Menschen, aber was Maschinen überhaupt nicht leisten können, ist Empathie.“ Ein Grund, weshalb Musikunterricht aus Sicht von Joos unverzichtbar ist. Er nennt einige weitere: Disziplin, Höhen und Tiefen bewältigen, Kreativität, soziale Interaktion, Teamfähigkeit, Persönlichkeitsentwicklung.
Im Hinblick darauf, dass auch aufgrund des GaFöG zukünftig mehr Schüler im Ganztag sein werden, ist für Dinkel klar: „Die Schulen sind aufgefordert, ein entsprechendes Angebot zu machen, so dass eine erfüllte und sinnvolle Freizeitgestaltung möglich ist und nicht nur ein Absitzen.“
Aus Sicht von Joos, der an verschiedenen Schulen gearbeitet hat und darüber hinaus auf große Erfahrung im Chorleitungsbereich blickt, waren Gesangvereine in den letzten Jahrzehnten deutlich weniger aktiv in der Nachwuchswerbung als die Blasmusik. Das zeige sich auch daran, dass Musikvereine deutlich häufiger Bläserklassen an Schulen führten als Gesangvereine Chöre aufbauten.
Kooperationen mit Musikschulen
Am Lichtenstern-Gymnasium haben sie das Problem nicht – denn dank des traditionell ausgeprägten Musikprofils tragen die Musiklehrkräfte das vielfältige Angebot schuleigener Ensembles. Kooperationen mit Vereinen sind für diese Schule eher uninteressant, weil Vereine kaum einen zusätzlichen Mehrwert zum bestehenden Angebot leisten könnten. Für den sorgt dann wie am LGS im besten Fall das Fachpersonal einer Musikschule, denn auch ein studierter Schulmusiker könne nicht einfach ohne die Unterstützung eines Spezialisten eine Bläserklasse leiten, ist Joos überzeugt.
So handhaben sie es auch an der Friedensschule in Schwäbisch Gmünd. „Bei uns hat sich die Zusammenarbeit mit der örtlichen Musikschule gut bewährt, die mit hauptberuflichen Lehrkräften zu uns ins Haus kommt“, berichtet Joachim Göser. „Dies verursacht zwar enorm hohe Kosten, gewährleistet aber ein verlässliches und fachliches Angebot.“
Aus Mangel an Musikvereinen am Schulstandort unterhält die Friedensschule derzeit keine Kooperation. „Dies steht aber unbedingt auf meiner Wunschliste und ich habe konkrete Ideen, mit einem Verein einer Nachbargemeinde Kontakte zu knüpfen und ein Konzept zu erstellen“, betont Göser.
Drei Knackpunkte
An Schulen, die von sich aus keine Musik-AGs o.ä. anbieten, ist das Kooperationspotenzial hingegen deutlich größer. Dabei unterscheiden sich die Anliegen von Grundschulen und Sekundarschulen nach Einschätzung von Joachim Göser nicht wesentlich: „Wichtig sind geeignete Fachräume und monetäre Mittel für notwendige Anschaffungen.“
Dritter Knackpunkt: das Personal. Denn auch wenn es von außen kommt, sind die Unterrichtszeiten verbindlich. Für Musikschulen ideal, weil deren Lehrkräfte gerade zu dieser Zeit Kapazitäten frei haben. Für Vereine herausfordernd, da Ehrenamtliche von Vereinen in den meisten Fällen hier selbst beruflich gebunden sind.