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FORTE September / Oktober 2025, Thema

Warum Musizieren eine „Glückshormon-Bombe“ zündet

Sandra Bildmann
Maximilian Niebler 
15. September 2025

Wer musiziert, sei glücklicher und trainiere seine „soft skills“. Aber lässt sich das wissenschaftlich belegen und was passiert da in unserem Gehirn? Und welche positiven Effekte hat das Üben auf den gesamten Körper? Sandra Bildmann hat für die FORTE mit dem Assistenzarzt Maximilian Niebler genau darüber gesprochen. Die beiden duzen sich, weil sie sich auf der Opernbühne bereits zuvor kennengelernt haben.

Warum musizierst du – privat und als Arzt?

Meine ersten sängerischen Erfahrungen habe ich bei den Regensburger Domspatzen gemacht, als meine Eltern beschlossen haben, dass mir das Internat dort gut tun wird. (lächelt) Ich habe dann aber relativ schnell aus eigenem Ansporn heraus eine große Begeisterung für das Singen verspürt. Und damit sind wir auch gleich beim Wissenschaftlichen: Es gibt ja viele Gründe, warum Menschen Musik machen. Schon Platon mutmaßte, dass hinter dem Singen als Kulturtradition zuvorderst innere Gefühle und das Bedürfnis nach sozialer Harmonie stehen. Aus der anthropologischen Forschung weiß man, dass klangliche Lautäußerungen über die reine Kommunikationsfunktion hinaus schon immer eine große Rolle gespielt haben. Uneins ist man sich allerdings darüber, was zuerst da war: Laute und Klang oder Formanten und Vokalsprache. Generell bin ich auch in meinem Arzt-Dasein ein leidenschaftlicher Verfechter des Singens und des Musizierens allgemein, weil es positive Effekt für Körper, Geist und Seele bereithält.

Laute produzieren oder Musik auch „nur“ wahrnehmen ist eine unmittelbar emotionale Erfahrung. Aber warum und was passiert da
im Körper?

Diese Frage könnte man sehr ausufernd und hoch wissenschaftlich beantworten. Aber wenn man es mal auf zentrale Kernaussagen runterbricht, wird beim Musizieren ein richtiger „Chemiecocktail“ im Hirn aktiv freigesetzt. Dieser Chemiecocktail besteht zu großen Teilen aus den Botenstoffen Dopamin, Serotonin, den Endorphinen und Oxytocin. All diese Botenstoffe zeigen ein enges funktionales Zusammenspiel, besonders im subjektiven Erleben und Empfinden von Euphorie, Glück, Entspannung und Motivation.

Warum gerade beim Musizieren mit einem Instrument all diese „Glücklich-Macher“ synchron und/oder aufeinanderfolgend aktiviert werden, liegt einerseits daran, dass das Musizieren per se als koordinatives Zusammenspiel dutzender verschiedener Körperregionen im Gehirn als Schaltzentrale die vielen verschiedenen Hirnareale mit ihren jeweiligen Botenstoffen aktiviert und vor allem auch miteinander synchronisiert.

Zweitens sind in uns Menschen evolutionär wie biografisch fest verankerte Gedächtnisinhalte angelegt, die das Musizieren und das Hören von Musik mit positivem Emotionserleben verknüpfen. Beim aktiven Musizieren werden dann natürlich genau diese „Gedächtnis-Patterns“ reaktiviert.

Drittens wirkt das mit dem Musizieren einhergehende Stimulieren der körpereigenen Resonanzräume wie eine Massage und triggert hierdurch wiederum unser „Entspannungssystem“.

Viertens ist das Musizieren mitunter die intensivste Form des Emotionsausdruckes und -erlebens, welche wieder unser limbisches System, sozusagen unser „Emotionssystem“, maximal stimuliert.

Fünftens – und dieser Aspekt kommt besonders beim Musizieren im Ensemble oder Orchester und beim Singen im Chor zur Geltung – ist es eine der intensivsten Gestaltungsformen von sozialer Interaktion und sozialer Integration. Hierbei kommt dem Oxytocin, das auch als „Kuschel-“ oder „Bindungshormon“ bezeichnet wird, eine große Rolle zu, weil es das soziale und subjektive Erleben auf neuronaler Ebene steuert.

Musik kann beeinflussen, sie kann manipulieren. Wenn es mir z. B. schlecht geht, will ich keinen Walzer hören. Wenn ich mich dann aber dazu überwinde, einen absoluten Kitschwalzer von Johann Strauß anzuhören, geht‘s mir doch wieder besser. Warum funktioniert das?

Bei dir ist der Johann-Strauß-Walzer mit spezifischen und urpersönlichen Erinnerungen verknüpft. Er entspricht vermutlich auch deinem persönlichen Geschmack, sodass er bei dir eben mit positiver Emotion und positiven Erinnerungen verbunden ist. Bei dir ist encodiert, dass  wenn diese Rhythmus-Pattern, gewisse Klangharmonien und Melodie-Pattern ablaufen, dein Gehirn deinen Glückscocktail mixt – ob du willst oder nicht.

In diesem Zusammenhang muss ich auch schnell auf unserer körpereigenes Stresssystem zu sprechen kommen. Bei chronischem Stress wird das Hormon Cortisol ausgeschüttet und bewirkt im Körper eine Anpassung von Kreislauf- und Stoffwechselvorgängen, die dazu führen, dass der Organismus in dieser Stressbelastung überlebensfähig wird. Bei vielen Menschen ist der basale Cortisolspiegel durch lebensstil-bedingten Stress-Einfluss zu hoch: Höhere kardiovaskuläre Belastung, höherer Zuckerstoffwechsel etc. sind die Folge. Die mit dem Musizieren verbundene Zündung unserer „Glückshormon-Bombe“ wirkt einer zu hohen Cortisol-Ausschüttung entgegen und senkt den Cortisolspiegel langfristig.

Welchen Unterschied macht es, ob ich Musik höre oder aktiv praktiziere?

Da muss man ein bisschen ausholen und einen kurzen Blick auf die neuronalen Vernetzungsstrukturen und -dynamiken im Gehirn werfen. Natürlich hat man schon allein beim Musikhören eine hochgradig polysensorische Vernetzung vorliegen, also eine Verknüpfung über viele verschiedene Eingangskanäle. Der gehörte Ton kommt in unserem Hörzentrum, dem auditorischen Kortex, an und wird dort verarbeitet und an sekundäre Hirnareale weiter projiziert, darunter auch direkt in die emotionalen Zentren. Die Gedächtnisnetzwerke klinken sich dann über die Re-Aktivierung und das Wiedererkennen biografischer oder musikalischer Gedächtnisinhalte ein. Da sind plötzlich sehr viele Kabelstränge und „Transistoren“ in unserem Gehirn aktiv. Weil Musik über so viele Ebenen aufgehängt ist, ist sie auch so mächtig.

Aber jetzt kommen wir zum additiven Effekt des aktiven Praktizierens und da sind unsere neuronalen Bewegungszentren, die Motorcortices, aber auch das Frontalhirn als Planungszentrum in zentraler Weise gefordert. Beim aktiven Musikmachen haben wir zusätzlich zu den beim Musikhören angeführten Zentren nochmals einen motorischen Output und über Rückkopplungsnetzwerke einen Input. Außerdem müssen wir über den präfrontalen Cortex vermittelt planen, uns konzentrieren, kreativ sein und letztendlich alle Abläufe koordinieren.

Beim Gesang im Speziellen sind natürlich auch noch unsere Sprachzentren involviert, außerdem habe ich durch die Aktivierung und Ansteuerung der körper eigenen Resonatoren/Klangräume noch die sensorische Rückkopplung, also meine Innenwahrnehmung, dabei. Insgesamt sind beim aktiven Musizieren nochmals signifikant mehr neuronale Zentren, Abläufe und Verschaltungen aktiv.

Für welche Körperregionen und Fähigkeiten ist es sinnvoll, dass ich übe – abgesehen davon, dass ich das Stück am Ende besser kann?

Fangen wir einmal mit den motorischen Aspekten an. In unserem Gehirn liegen die primäre Schaltzentrale für Bewegungen und die primäre Schaltzentrale für sensorische Wahrnehmungen, also alles, was an Reizen – Kälte, Wärme, haptisch – reinkommt, direkt nebeneinander positioniert. Dies liegt daran, dass Sensorik und Motorik unmittelbar miteinander verknüpft sind. Ich bin ja z. B. bei der Ausführung meiner Bewegung auf die Rückmeldung meiner muskulären Dehnungsrezeptoren angewiesen oder muss bspw. die Hand ganz schnell von der heißen Herdplatte wegziehen können. In diesen beiden Gehirnarealen ist unser Körper einmal parallel von oben bis unten, von Kopf bis Zeh kartografisch mit verschiedenen nebeneinanderliegenden Nervenzellen, die für die jeweilige Körperregion zuständig sind, abgebildet.

Diese kartografische Repräsentation des Körpers im Gehirn mit einer parallelen Anordnung im sensorischen wie motorischen Cortex, nennt man Homunculus. Man kann diesen Homunculus bei jedem Individuum dank funktioneller MRT-Untersuchungen in seinen Proportionen grafisch abbilden und hat dann z. B. gemeinhin einen riesengroßen Kopf mit überdimensionalen Lippen oder riesige Fingerspitzen, da dort unzählig viele sensorische und motorische Verschaltungen ablaufen. Dank der Neuroplastizität ist nun dieser Homunculus in seinen Proportionen modifizierbar, also in dem Sinne, durch wie viele Nervenzellen und Verschaltungen eine bestimmte Körperregion repräsentiert wird und dann auch differenzierter angesteuert werden kann.

Wenn ich Sänger bin, dann werden mein Stimmmuskel, meine Halsmuskeln, meine Zungenmuskeln, meine Kehlkopfmuskeln, mein Zwerchfellmuskel, meine Zwischenrippenmuskeln einerseits in ihrer Kraft, andererseits auch in ihrer zerebralen, neuronalen, motorischen wie sensorischen Repräsentation optimiert. Wenn ich ein Klarinettist bin und entsprechend übe, dann habe ich in meinem individuellen Homunculus überdimensionierte Hände und so weiter. Diese auf vielerlei Ebene hochgradig trainierten Körperareale erweisen sich dann auch bei „musik-fremden“ Tätigkeiten von großem Vorteil.

Es gibt sicher noch weitere Vorteile…

Durch regelmäßiges Üben habe ich mit einer Vielzahl von synchronisierten Gehirnarealen auf beiden Hälften des Gehirns eine deutlich optimierte wechselseitige und synchronisierte Verschaltung beider Gehirnhälften. Verschiedene Gehirnareale sind entweder auf der einen oder anderen Gehirnhälfte, aber nicht auf beiden Gehirnhälften zu finden. Ein Großteil der Kommunikation dieser spezifisch einseitigen Gehirnareale erfolgt über einen einzigen Kabelstrang, den sogenannten „Balken“. Beim Üben wird die Kommunikation zwischen beiden Gehirnhälften über den Balken besonders beansprucht und trainiert. Die verbesserte Synchronisation beider Gehirnhälften hat über die Musik hinaus zahlreiche positive alltagspraktische Effekte in Bezug auf die raschere und flexiblere Verschaltung von Emotionen mit dem Gedächtnis, eine erhöhte Kreativität, kognitive Flexibilität und generell eine erhöhte abrufbare Intelligenz.

Außerdem haben wir beim Üben noch die psychologische Dimension der Selbstwirksamkeit. Ich sehe, dass ich durch Üben, Disziplin und das, was ich mir vornehme, selbstwirksam werden kann, was wiederum mein Belohnungssystem aktiviert.

Und dann habe ich die psychosoziale Dimension, dass ich beim Üben ja meistens Anleitung und Rückmeldung durch meine Lehrerin oder meinen Lehrer bekomme, was wiederum positive Erfahrungen und Lerneffekte auf meinen Bindungshorizont, mein Sozialverhalten und meine Kritikfähigkeit mit sich bringt. Und ich lerne Disziplin. Da kann man unendlich weitermachen.

Hat das Musizieren also einen großen Mehrwert gegenüber anderen Hobbys?

Ich würde meine Kinder immer zur Musik bringen – weil das natürlich schon ein Premium-Hobby mit vielen einzelnen Hobby-Komponenten ist. Ich bin beim gemeinschaftlichen Musikmachen in eine Gemeinschaftsstruktur eingebettet, kann mich selbst künstlerisch-kreativ verwirklichen, trainiere gleichzeitige diverse Fähigkeiten, verbessere meine psychische wie physische Gesundheit und kann – je nach Vorliebe – durch Konzerte und Wettbewerbe einen kompetitiven Charakter inkludieren. Sport oder andere Hobbys können genauso positive Implikationen mit sich bringen, aber oftmals nicht unbedingt in dieser multifaktoriellen Dimension. Man sollte aber niemanden zur Musik zwingen, denn dann wird Musik plötzlich mit negativen Bindungs- und Lernerfahrungen „fehlkonnotiert“. 

Maximilian Niebler ist als Arzt in Weiterbildung in klinischer und forschender Tätigkeit an der Klinik und Poliklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie der Universität Regensburg am medbo Bezirksklinikum Regensburg tätig.

Vor dem Hintergrund einer weiterführenden Gesangsausbildung parallel zum Medizinstudium verbindet er seine freien Tage außerhalb der Klinik mit regelmäßiger Konzerttätigkeit und sang bereits unter der Leitung von Sir Simon Rattle und Peter Dijkstra. Derzeit steht er als Mitglied des Vokalensembles LauschWerk auf der Bühne der Bayerischen Staatsoper.

Maximilian Niebler 

Foto: Privat

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