Die Ausbildung im Musikverein Tannhausen
Nachwuchssorgen sind im Ehrenamt ein allgegenwärtiges Thema. Nicht so beim Musikverein Tannhausen. Während viele Vereine kräftig die Werbetrommel rühren und dennoch mit rückläufigen Zahlen in der Ausbildung zu kämpfen haben, hat man sich hier dieses
Jahr erstmals gegen Werbemaßnahmen für die Instrumentalausbildung entschieden – und hatte dennoch Anmeldungen. Was ist das
Erfolgsrezept?
Der Musikverein Tannhausen spielt seit vielen Jahren in der Oberstufe und ist mit ca. 75 Musikerinnen und Musikern gut aufgestellt. Knapp 70 Kinder und Jugendliche befinden sich derzeit in der vereinseigenen Ausbildung. Los geht es im Alter von 1,5 bis 3 Jahren mit demKonzept „Musikgarten“, mit 4 bis 6 Jahren geht es dann in der Musikalischen Früherziehung weiter und darauf folgt der erste Kontakt mit richtigen Blasinstrumenten. Im Piccolini/Brassini-Konzept (Claudia Schade, Rapp-Verlag), das direkt an die MFE anschließt und sich an Kinder der 1. und 2. Klasse richtet, werden solide bläserische Grundlagen spielerisch und systematisch aufgebaut. Dafür stellt der Verein Kunststoff-Instrumente (Trompete, Klarinette und Posaune) gegen eine Leihgebühr zur Verfügung.
Ab der 3. Klasse beginnt die Instrumentalausbildung auf dem Wunsch-Instrument in Form von Einzelunterricht. Auch hier können die Eltern entscheiden, ob sie ein eigenes Instrument kaufen wollen, oder auf ein Leihinstrument vom Verein zurückgreifen. Nach einem Jahr Ausbildung kommen die Kinder dann in den Spielkreis, die Vorstufe zur Jugendkapelle. Bei Spielkreis und Jugendkapelle pflegt der Musikverein Tannhausen seit 2010 eine Kooperation mit dem Musikverein Stödtlen.
Zwei bis drei Jahre später folgt der D1-Lehrgang und mit erfolgreich bestandener Prüfung der Übertritt in die Jugendkapelle. Nach weiteren zweieinhalb Jahren ist der D2-Lehrgang vorgesehen. In der Juka spielen die Nachwuchsmusikerinnen und -musiker bis sie 18 sind. Die D3-Prüfung ist freiwillig.
Gelebte Willkommenskultur in der Stammkapelle
Bereits mit 14 werden die Nachwuchsmusikerinnen und -musiker aber parallel in die Stammkapelle aufgenommen. Jugendleiterin Judith Joas erklärt: „Dadurch, dass die Jugendlichen so lange in der Jugendkapelle gehalten werden, sichern wir einerseits die Qualität der Juka und binden unseren Nachwuchs andererseits schon an den Verein.“
Die Musikerinnen und Musiker eines Jahrgangs werden dann als Gruppe gemeinsam in die Probe eingeladen. Vorab gibt es ein Einführungsgespräch mit den Eltern. „In der ersten Probe stehen für die Neuen dann schon Stühle bereit und sie werden vom Dirigenten begrüßt und vorgestellt.“ Im Verein gibt es konkrete Ansprechpartner für die neuen Musikerinnen und Musiker, die gemeinsam mit den Registerführern dafür sorgen sollen, dass die Neuen sich gut aufgenommen fühlen und dass Verein und Nachwuchs zusammenwachsen.
Vereinsinterne Ausbildung
Die Antwort auf die Frage nach dem Erfolgsrezept zeichnet sich ab und wird von Joas bestätigt: „Das Kontinuierliche. Man arbeitet immer auf das nächste Ziel hin.“ Auch wenn die feste Struktur vielleicht starr erscheine, biete sie auch Verlässlichkeit: „Für alle gelten die gleichen Regeln.“ Und durch das kontinuierliche Angebot ergeben sich auch kaum Schlupflöcher, in denen beim Musikverein Flaute herrscht und deshalb vielleicht andere Hobbys interessanter werden.
Dass hauptsächlich von Vereinsmitgliedern ausgebildet wird, spielt ihrer Meinung nach ebenfalls eine entscheidende Rolle: „Dann kennen sowohl die Kinder als auch die Eltern schon Gesichter hinter dem Verein und haben mehr Bezug.“ Ein weiterer positiver Aspekt sei das eigene Vereinsheim im Ort, in dem der Unterricht stattfindet. Die Eltern müssen also nicht erst mit dem Auto in die nächste städtische Musikschule fahren.
Bei der Frage, wo es denn auch in diesem an sich sehr gut funktionierenden System mal hakt, antwortet Joas: „Wir könnten manchmal mehr Ausbilderinnen und Ausbilder brauchen.“ Tatsächlich stemmt der Verein die komplette Ausbildung nahezu selbst. Zwölf Ausbilder kommen direkt aus dem Verein, nur drei sind von außerhalb. Kooperationen mit Musikschulen gibt es nicht. Und das soll auch so bleiben, um die Ausbildungskosten möglichst gering zu halten.
Die vereinsinterne Ausbildung hat in der knapp 60-jährigen Vereinsgeschichte Tradition, das lückenlose Konzept hat sich nach und nach weiterentwickelt. Auch eine Jugendkapelle habe man schon relativ früh gegründet. Vor ca. 25 Jahren sei dann schließlich die Musikalische Früherziehung hinzugekommen (anfangs noch mit externen Ausbilder). Vor etwa zehn Jahren wurde die Lücke zwischen Früherziehung und Ausbildung mit Piccolini/Brassini geschlossen und 2017 führte man den Spielkreis als Vorstufe zur Jugendkapelle ein. 2021 kam schließlich der Musikgarten dazu.
Das Konzept bewährt sich seit vielen Jahren. „Natürlich hören auch bei uns mal Jugendliche auf, weil sie keine Lust mehr haben. Aber tatsächlich sind das eher Einzelfälle.“ Auch nach Ende der Schulzeit gebe es keinen massiven Einbruch, wie es in vielen anderen Vereinen der Fall ist, weil die jungen Erwachsenen für Studium oder Ausbildung wegziehen.
Da der Verein so zwischenzeitlich auf eine beachtliche Größe angewachsen ist, habe man dieses Jahr bewusst keine Werbung in Form von Schnupperproben für den Instrumentalunterricht gemacht. Auch habe man nicht in allen Instrumentengruppen ausgebildet. Trotzdem gab es Anmeldungen. Und die Rückmeldung: „Das könnt ihr doch nicht machen.“ Joas lacht und sagt: „Und stimmt ja, das können wir echt nicht machen.“


