Die Umsetzung des Ganztagsförderungsgesetz (GaFöG) kommt – und mit ihm viele Fragen, die uns als Vereine unmittelbar betreffen. Die Sorge um den musikalischen Nachwuchs ist dabei allgegenwärtig. Kooperationen mit Schulen im Ganztag liegen nahe. Aber sie sind kein Selbstläufer.
Dass man mit einem kleinen Flyer zur Schnupperprobe einlädt und dann 20 Kinder kommen, ist heute eher die Ausnahme. Diese Erfahrung teilen viele Vereinsfunktionäre. Der Ganztag eröffnet hier zweifellos neue Zugänge. Kinder kommen überhaupt erst mit Musik in Berührung – auch solche, die sonst keinen Kontakt zur Musik und zum Verein hätten. Das ist eine große Chance.
Aber wir sollten uns nichts vormachen: Nur weil 20 Kinder im Ganztag musizieren, werden sie nicht automatisch Teil des Vereins. Es ist durchaus möglich, dass kein einziges Kind den Übergang schafft. Genau hier liegt eine unserer zentralen Aufgaben: Übergänge schaffen, Beziehungen aufbauen, ansprechbar sein. Denn das Problem fehlender Bindung kennen wir längst auch unabhängig vom Ganztag.
Dabei greift es zu kurz, den Ganztag allein für Nachwuchssorgen verantwortlich zu machen. Schon letztes Jahr habe ich im Gespräch mit der FORTE über das Thema Ganztag gesagt: „Dass Kinder heute weniger in Vereine gehen, liegt nicht am Ganztag, sondern daran, dass sich viele Menschen nicht mehr langfristig binden wollen.“ Das fordert uns heraus, Ehrenamt neu zu denken. Gleichzeitig müssen wir den Blick noch weiter öffnen: Im Interview mit Theresa Demandt wird deutlich, dass parallel der Musikunterricht vielerorts zurückgeht oder ganz entfällt. Wo musikalische Bildung im schulischen Kontext verschwindet, fehlt ein zentraler Raum der Persönlichkeitsbildung – und damit geraten wichtige gesellschaftliche Kernkompetenzen unter Druck.
Kooperationen von Schule und Musikverein können ein wichtiger Baustein sein – vorausgesetzt, sie sind gut geplant. Verlässliche Strukturen, personelle Ressourcen und eine realistische Finanzierung sind entscheidend.
Und nicht zuletzt gilt: Unsere eigenen Angebote dürfen nicht im Ganztag aufgehen. Die Vereinsarbeit bleibt unverzichtbar. Denn sie ist der Ort, an dem aus Begegnung Zugehörigkeit wird.
Viele Grüße
Bruno Seitz
Landesmusikdirektor Blasmusikverband BW

