Die Probe läuft bereits seit zwei Stunden. Björn Bus hebt die Hand, das Orchester verstummt. „Takt 47, bitte nochmal.“ Die Klarinetten setzen an, spielen die Passage erneut. Der Dirigent nickt, lässt sie wiederholen, diesmal mit leicht verändertem Fokus: „Hört auf die Hörner, der Auftakt muss zusammen sein.“ Die Musikerinnen und Musiker lauschen, justieren nach, passen sich an. Was eben noch gut klang, wird noch präziser, durchsichtiger und lebendiger. Selbst auf diesem Niveau, im Landesblasorchester Baden-Württemberg (LBO), wird gelernt. Vielleicht sogar gerade hier.
Doch was bedeutet das eigentlich – lebenslanges Lernen in einem Auswahlorchester? Eine interne Umfrage im LBO hat kürzlich eine zentrale Erkenntnis deutlich gemacht: Viele Musikerinnen und Musiker berichten, dass sie durch die Arbeit im Orchester musikalisch gewachsen und zu besseren Musikern geworden sind. Das mag zunächst überraschen. Schließlich gilt ein Auswahlorchester wie das LBO gemeinhin als Ensemble „fertiger“ Musikerinnen und Musiker. Menschen, die ihr Instrument bereits auf hohem Niveau beherrschen, die in ihren Heimatvereinen oft tragende Rollen übernehmen und über jahrelange Erfahrung verfügen. Doch genau hier wird eins klar: Wenn es um das Beherrschen eines Instrumentes geht, gibt es keinen Endpunkt.
Was macht den Unterschied?
Im LBO wird Lernen nicht als kurzfristiges Erarbeiten von Werken verstanden, sondern als langfristige Entwicklung des Orchesters, die nicht nur aus detaillierter Probearbeit besteht, sondern auch im Setzen langfristiger Ziele. Drei Faktoren spielen dabei eine zentrale Rolle:
Erstens: der künstlerische Anspruch.
Das Repertoire des Orchesters umfasst anspruchsvolle Originalkompositionen ebenso wie Bearbeitungen klassischer Werke. Jedes Stück stellt neue Herausforderungen: ungewohnte Klangfarben, komplexe Rhythmen, interpretatorische Feinheiten. Die Literatur fordert heraus und wird genau dadurch zum Antrieb für Weiterentwicklung.
Zweitens: die Probenkultur.
Die Arbeit unter Björn Bus ist geprägt von Präzision und Reflexion. Details werden nicht nur korrigiert, sondern verstanden. Klangvorstellungen werden erläutert, musikalische Zusammenhänge sichtbar gemacht. In den Proben entsteht ein Raum, in dem musikalische Entscheidungen bewusst getroffen, hinterfragt und weiterentwickelt werden. Diese Form der Arbeit schärft nicht nur das Ergebnis, sondern das Bewusstsein jedes Einzelnen für die eigene Rolle im Gesamtklang.
Drittens: das UmfeldWer von Menschen umgeben ist, die auf hohem Niveau musizieren, lernt unweigerlich mit und voneinander. Ein sicherer Einsatz im Nachbarregister, eine fein austarierte Balance, ein präziser Ausdruck – all das wirkt inspirierend und setzt Maßstäbe. Dieses oft unbewusste „Peer Learning“ ist einer der stärksten Impulse für individuelle Entwicklung.
Lernen als Haltung
Was im LBO oftmals sichtbar wird, geht über das rein Musikalische hinaus. Lebenslanges Lernen ist eine Haltung und eine Bereitschaft, offen zu bleiben, Gewohntes zu hinterfragen und sich auf Neues einzulassen. Diese Haltung entsteht vor allem dort, wo der erwähnte Anspruch auf Offenheit und Lernbereitschaft trifft.
Genau das macht das LBO aus: Niemand kommt ins Orchester, weil bereits alles erreicht wurde. Im Gegenteil: viele kommen, weil sie sich weiterentwickeln wollen, weil sie musikalische Impulse suchen und mit anderen auf hohem Niveau musizieren möchten. Diese intrinsische Motivation, gepaart mit der gemeinsamen Arbeit an anspruchsvollen Zielen, schafft einen Raum, in dem Lernen selbstverständlich wird.
Impulse für die Blasmusikszene
Auch in Musikvereinen in Baden-Württemberg kann eine lernende Haltung geschaffen werden, um sich weiterzuentwickeln. Oft reichen schon kleine Impulse: eine neue Komposition, die das Orchester vor ungewohnte Aufgaben stellt; eine Probe, die gezielt an klanglichen Details arbeitet; oder ein externer Dozent, der frische Perspektiven einbringt. Das LBO versteht sich in diesem Kontext nicht nur als Klangkörper, sondern auch als Impulsgeber mit konkreten Lehrangeboten.
Die Hautnah-Akademie bietet Musikerinnen und Musikern die Möglichkeit, direkt im Orchester mitzuwirken und von den Proben mit Björn Bus zu profitieren. Werkstattkonzerte öffnen den Blick hinter die Kulissen und zeigen, wo das LBO arbeitet und das Ergebnis nach einer Probephase. Und Lehrkonzerte bringen Musikerinnen und Musiker aus Vereinen und Auswahlorchestern mit Mitgliedern des LBO zusammen, für eine gemeinsame, öffentlich zugängliche Probe unter professioneller Anleitung.
All diese Formate haben eines gemeinsam: Sie halten das Wissen nicht im Orchester, sondern geben es weiter: in die Vereine, in die Regionen, in die Breite der Blasmusikszene.
Vielleicht ist das die eigentliche Botschaft des lebenslangen Lernens: Es endet nie und es bleibt nie bei einem selbst.
Was man lernt, was einen inspiriert, was einen weiterbringt, wirkt über das eigene Spiel hinaus. Es prägt Ensembles, beeinflusst Probenarbeit, verbindet und verändert den Blick auf Musik.
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Konzerttermine
20. Juni 2026 Sinsheim
21. Juni 2026 Plochingen



