Musikerinnen und Musiker verbringen viele Stunden damit, ihren Klang zu formen, Intonation zu schulen und aufeinander zu hören. Das Gehör ist dabei das wichtigste Arbeitsinstrument – und zugleich eines der am stärksten belasteten. Das Thema Gehörschutz gehört deshalb zu den zentralen Gesundheitsfragen im Musikbereich.
Denn Musizieren bedeutet immer auch, sich Schall auszusetzen und Schall auszuhalten. Gerade in Orchestern und Ensembles entstehen regelmäßig Lautstärken, die deutlich über den Grenzwerten des Arbeitsschutzes liegen. „Die zulässige Belastung liegt bei 85 Dezibel. In Orchestern werden jedoch häufig deutlich höhere Werte erreicht.“ sagt Sieglinde Fritzsche von der deutschen Musik- und Orchestervereinigung unisono. Für sie gehört das Thema Gehörschutz deshalb zu den zentralen Gesundheitsfragen im Musikbereich.
Dabei geht es nicht nur um das Risiko einer Schwerhörigkeit. Lärm kann zahlreiche Auswirkungen auf den menschlichen Körper haben. Dazu zählen ein erhöhtes Risiko für Tinnitus, steigender Blutdruck, beeinträchtigte Regeneration, Schlafstörungen, verringerte Konzentrationsfähigkeit, eine höhere Herz- und Atemfrequenz sowie Auswirkungen auf das Immunsystem. Besonders tückisch ist, dass Hörschäden meist schleichend entstehen. „Das Gehör merkt sich wirklich jeden Schall und jede Belastung“, erklärt Fritzsche. Wer über viele Jahre hinweg hohen Schallpegeln ausgesetzt ist, erhöht das Risiko für dauerhafte Schäden erheblich.
Hinzu kommt ein weiteres Problem: Die Wahrnehmung des Menschen täuscht häufig. Kleine Unterschiede auf der Dezibelskala wirken unscheinbar, haben physikalisch jedoch große Auswirkungen. Fritzsche verweist darauf, dass eine Erhöhung um drei Dezibel bereits einer Verdopplung der Schallintensität entspricht. Deshalb können vermeintlich geringe Unterschiede in der Lautstärke für die tatsächliche Belastung des Gehörs eine erhebliche Rolle spielen.
Raumakustik: Gute Bedingungen für Klang und Gesundheit
Wer an Gehörschutz denkt, denkt meist zuerst an Ohrstöpsel. Fachleute betrachten den persönlichen Gehörschutz jedoch nur als einen Baustein eines umfassenden Schutzkonzepts. Die entscheidende Frage lautet zunächst: Unter welchen Bedingungen wird überhaupt musiziert? Denn nicht nur die Instrumente bestimmen die Lautstärke eines Ensembles. Auch der Raum hat großen Einfluss darauf, wie laut gespielt wird und wie stark die Musikerinnen und Musiker belastet werden.
Genau an diesem Punkt setzt das Projekt MusikRaumAkustik des Bund Deutscher Blasmusikverbände (BDB) an. Das Projekt unterstützt Chöre und Orchester der Amateurmusik dabei, ihre Probenräume zu analysieren und akustisch zu verbessern. Hintergrund ist die Erkenntnis, dass viele Ensembles in Räumen proben, die ursprünglich nie für musikalische Zwecke geplant wurden. Das Angebot umfasst mehrere Schritte. Nach einer ersten Selbsteinschätzung können Ensembles eine individuelle Beratung in Anspruch nehmen. Anschließend werden bei Bedarf Messungen vor Ort durchgeführt. Auf dieser Grundlage erhalten die Vereine konkrete Empfehlungen zur Verbesserung ihrer Probenbedingungen. Dabei geht es nicht nur um Raumakustik, sondern auch um Raumluft und Energieeffizienz.
Wie notwendig solche Beratungen sind, zeigt eine Untersuchung des Projekts, die 2023 auf der Jahrestagung für Akustik (DAGA) vorgestellt wurde. Dafür wurden 42 Probenräume von Chören und Orchestern untersucht. Die Ergebnisse waren deutlich: Die in der internationalen Norm ISO 23591 empfohlenen Raumvolumina wurden in vielen Fällen deutlich unterschritten. Gleichzeitig berichteten 76 Prozent der Ensembles, dass es in ihrem Probenraum „sehr laut“ sei. Ebenso viele gaben an, dass sie sich gegenseitig nicht ausreichend hören könnten. Diese beiden Ergebnisse hängen unmittelbar zusammen. Wenn Musikerinnen und Musiker Schwierigkeiten haben, sich selbst oder andere Stimmen wahrzunehmen, steigt häufig automatisch die Lautstärke. Es entsteht eine Art akustische Spirale: Weil das Hören schwieriger wird, wird lauter gespielt – und weil lauter gespielt wird, wird das Hören wiederum schwieriger.
Neben der Optimierung von Probenräumen gibt es auch technische Maßnahmen, die unmittelbar im Orchester eingesetzt werden können. Dazu gehört das Schallschutzprojekt von unisono, das seit Jahren spezielle Schallschutzwände für Berufsorchester für eine Testphase bereitstellt. Die Wände bestehen aus einem schallabsorbierenden Unterteil und einem verstellbaren Plexiglaselement. Sie werden vor besonders schallintensiven Instrumentengruppen aufgestellt und so ausgerichtet, dass der Schall in den Raum reflektiert wird, während die darunter sitzenden Musikerinnen und Musiker geschützt werden. Messungen zeigen in Abhängigkeit der räumlichen Situation eine mögliche Verringerung der Schallintensität um 8 bis 10 Dezibel.
Das Schallschutzprojekt des Bundesverbands Deutscher Berufsorchester richtet sich derzeit explizit an Berufsorchester. Auch für größere Amateurorchester oder Ensembles mit regelmäßig intensiver Probentätigkeit kann es jedoch sinnvoll sein, technische Maßnahmen zur Schallreduktion in die Überlegungen einzubeziehen. Schallschutzwände oder vergleichbare Abschirmungen können insbesondere dort helfen, wo Musikerinnen und Musiker dauerhaft unmittelbar vor lauten Instrumentengruppen sitzen und organisatorische Maßnahmen allein nicht ausreichen.
Organisatorische Maßnahmen: Kleine Veränderungen mit großer Wirkung
Bevor persönlicher Gehörschutz notBevor persönlicher Gehörschutz notwendig wird, gibt es weitere Möglichkeiten, die Belastung zu reduzieren. Viele davon lassen sich ohne größere Investitionen umsetzen. „Man muss bei der Probenplanung aufpassen“, sagt Fritzsche. Besonders wichtig seien regelmäßige Unterbrechungen: „Regelmäßige Pausen ohne Lärm sind wichtig, damit sich das Gehör von der Belastung erholen kann.“
Darüber hinaus spielen Sitzordnung und Aufstellung eine wichtige Rolle. Besonders belastet sind oft nicht nur die Musikerinnen und Musiker, die laute Instrumente spielen, sondern diejenigen, die unmittelbar davor sitzen. Wer regelmäßig direkt vor Trompeten, Posaunen oder Schlagwerk platziert ist, kann über längere Zeit hohen Schallpegeln ausgesetzt sein. Fritzsche nennt deshalb organisatorische Maßnahmen wie Rotation innerhalb von Instrumentengruppen sowie größere Abstände zwischen Instrumentengruppen als wichtige Bestandteile eines Schutzkonzepts. Auch die Schallexpositionszeit spielt eine wichtige Rolle. Die Halbierung der Zeit, der das Orchester ausgesetzt ist, bedeutet gleichzeitig die Halbierung des gefährdenden Schallpegels.Gerade Amateurensembles können hier von Erfahrungen aus Berufsorchestern profitieren. Denn viele dieser Maßnahmen verursachen kaum Kosten, können aber die Belastung einzelner Musikerinnen und Musiker deutlich verringern.
Individueller Gehörschutz
Erst wenn räumliche und organisatorische Maßnahmen nicht ausreichen, kommt der persönliche Gehörschutz ins Spiel. Fritzsche verweist hier vor allem auf individuell angepasste Ohrstöpsel mit Filtern, sogenannte Otoplastiken. Mit diesen können Musikerinnen und Musiker den Schallpegel reduzieren, ohne vollständig von ihrer akustischen Umgebung abgeschnitten zu sein.
Gerade für Bläserinnen und Bläser kann individueller Gehörschutz jedoch eine besondere Herausforderung darstellen. Eine Rolle spielt dabei der sogenannte Okklusionseffekt: Wird der Gehörgang durch einen Gehörschutz verschlossen, werden körpereigene Schallanteile stärker wahrgenommen. Dazu gehören beispielsweise Atemgeräusche, aber auch Schwingungen, die beim Spielen eines Blasinstruments über den Körper übertragen werden. Manche Musikerinnen und Musiker empfinden dadurch ihren Klang oder ihr Spielgefühl als verändert.
Sinnvoll kann ein solcher Schutz trotzdem insbesondere für Musikerinnen und Musiker sein, die regelmäßig hohen Lautstärken ausgesetzt sind. Der individuelle Gehörschutz wird dabei von einigen Mitgliedern in den Orchestern oft auch nur phasenweise für Stücke oder Proben mit besonders hoher Belastung getragen.
Neben den klassischen Otoplastiken gibt es inzwischen auch Entwicklungen im Bereich elektronischer Systeme. Diese werden allerdings noch nicht allen Anforderungen für musikalisches Arbeiten gerecht und sind darüber hinaus aufgrund der hohen Preise aktuell noch selten in Gebrauch. Fritzsche sieht diese Entwicklung aktuell noch nicht am Ziel: „Beim Thema Gehörschutz besteht weiterhin erheblicher Entwicklungs- und Forschungsbedarf.“
Was Amateurorchester von Profiorchestern lernen können
In Berufsorchestern gehört der Schutz des Gehörs inzwischen selbstverständlich zum Thema Arbeitsschutz. Dort gibt es inzwischen vermehrt nicht nur Anstrengungen, organisatorische Maßnahmen umzusetzen, sondern auch technische Hilfsmittel wie die genannten Schallschutzwände aber auch andere Schallschutzelemente einzusetzen. Nicht jede dieser Lösungen lässt sich unmittelbar auf die Amateurmusik übertragen. Die Grundidee dahinter gilt jedoch für alle Ensembles: Schallbelastung sollte möglichst dort reduziert werden, wo sie entsteht – im Raum, in der Organisation und durch individuellen Gehörschutz.
„Das Ganze ist noch nicht da, wo es sein soll“, sagt Fritzsche. Umso wichtiger sei es, das Bewusstsein für das Thema weiter zu stärken. Denn wer sein Gehör schützt, investiert nicht nur in seine Gesundheit. Er schafft auch die Voraussetzung dafür, Musik ein Leben lang aktiv erleben und gestalten zu können. ))



