Wer im Landesblasorchester Baden-Württemberg (LBO) mitspielt, weiß: Dieses Orchester verlangt etwas ab. Als überregionales Auswahlorchester erarbeiten die 85 Musikerinnen und Musiker an vier Wochenenden im Jahr anspruchsvolle Programme auf höchstem Niveau. Das setzt Konzentration voraus, gute Vorbereitung, die Bereitschaft, Zeit und Energie zu investieren.
Wer im LBO spielt, muss üben, sich einlassen, an sich arbeiten. Das ist die eine Seite und sie kann anstrengend sein. Die andere Seite ist die viel spannendere Frage: Was bekommt man als Musikerin oder Musiker eigentlich zurück?
Der Moment, in dem der Alltag verschwindet
Die ehrlichste Antwort hat wenig mit Preisen oder Applaus zu tun. Sie hat mit etwas damit zu tun, das schwer in Worte zu fassen ist: mit dem Moment, in dem man sich als Teil eines größeren Klangkörpers empfindet. Wenn die Musik eine bestimmte Qualität erreicht, alles ineinandergreift und man nicht mehr nur seine eigene Stimme spielt, sondern Teil eines größeren Ganzen wird, passiert etwas Bemerkenswertes. Die Gedanken an den nächsten Arbeitstag, an die offene To-do-Liste, an die Sorgen der Woche, all das tritt zurück. Es bleibt nur der Moment.
Achtsamkeit nennt man das heute gern: ganz präsent zu sein, ohne dass die Gedanken in die Vergangenheit oder Zukunft abdriften. Was Menschen mühsam in Kursen oder Apps suchen, geschieht im Orchester fast von selbst, vorausgesetzt, man lässt sich darauf ein. Denn anspruchsvolle Musik duldet keine halbe Aufmerksamkeit. Wer gemeinsam phrasiert, auf die Nebenstimme hört, Balance und Intonation im Blick behält, der ist zwangsläufig im Hier und Jetzt. Genau darin liegt das Heilsame.
So vielseitig wie das Leben selbst
Das Besondere am LBO ist, wie unterschiedlich die Menschen sind, die hier zusammenkommen. Die Musikerinnen und Musiker stammen aus ganz Baden-Württemberg, und sie bringen ihre Berufe mit: Es sind Menschen in Leitungspositionen darunter, Angestellte, Handwerkerinnen und Handwerker, Lehrkräfte, Musikschullehrerinnen und Musikschulleiter. Quer durch die Gesellschaft sitzen sie nebeneinander im Probensaal, mit ganz verschiedenen Wochen im Rücken, mit Verantwortung, Druck und Terminen, jede und jeder aus der eigenen Realität.
Doch in dem Moment, in dem der Klang trägt, spielt all das keine Rolle mehr. Die Führungskraft ist keine Führungskraft mehr, die Lehrerin keine Lehrerin – alle sind nur noch eines: Musizierende. Der Alltag bleibt für ein paar Stunden vor der Tür. Und vielleicht ist gerade diese Vielfalt ein Teil des Geheimnisses: Wer den ganzen Tag den Kopf gebraucht hat, erholt sich nicht, indem er ihn weiter beansprucht, sondern indem er etwas völlig anderes tut. Etwas, das den ganzen Menschen fordert und zugleich freisetzt.
Was bleibt, wenn das Wochenende vorbei ist
Das Bemerkenswerte ist, dass diese Wirkung nicht am Sonntagabend endet. Wer erfüllt von einem Probenwochenende heimfährt, nimmt etwas mit in die neue Woche: eine Melodie, die im Kopf weiterklingt, vor allem aber eine Gelassenheit, die auch im Büro, in der Werkstatt oder im Klassenzimmer noch spürbar ist. Genau das macht aus dem Musizieren einen echten Ausgleich und eine Kraftquelle, aus der man noch Tage später schöpft. Die Stimmen im Orchester bestätigen das immer wieder: Was an einem solchen Wochenende entsteht, trägt weit darüber hinaus.
Mehr als ein Hobby
Vielleicht ist das die schönste Antwort auf die Frage, was ein Auswahlorchester eigentlich zurückgibt. Es ist kein Ausgleich im Sinne von Nichtstun, kein Abschalten durch Berieselung. Es ist das Gegenteil: ein bewusstes, hochkonzentriertes Eintauchen, das gerade deshalb so erholsam ist. Musik wirkt, wenn man sie lässt. Und im LBO erleben wir das immer wieder: dass aus Investition Erholung wird, aus Konzentration Achtsamkeit und aus dem gemeinsamen Klang ein Moment, in dem der Alltag für eine Weile keine Rolle mehr spielt.
Das ist gesund. Nicht im Sinne einer Verordnung, sondern als gelebte Erfahrung. Wer das einmal gespürt hat, weiß, warum sich der Aufwand lohnt. ))
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