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Thema

Editorial

Guido Wolf
15. September 2026

Lieblingsorte entstehen dort, wo Gemeinschaft gelebt wird

Wenn wir über die Zukunft unserer Gesellschaft sprechen, dann lohnt sich der Blick auf jene Orte, an denen Gemeinschaft nicht diskutiert, sondern gelebt wird. Unsere Musikvereine gehören dazu. Sie sind weit mehr als Orte des Musizierens. Sie sind Orte der Begegnung, der Verantwortung und des Miteinanders. Gerade in einer Zeit, in der vieles schneller, digitaler und unverbindlicher wird, gewinnen sie eine Bedeutung, die weit über die Musik hinausreicht.

Wo Menschen gemeinsam musizieren, entsteht Vertrauen. Dort lernen Kinder und Jugendliche, dass Erfolg niemals eine Einzelleistung ist, sondern immer das Ergebnis von Verlässlichkeit, gegenseitigem Respekt und gemeinsamer Anstrengung. Sie erleben, dass Zuhören ebenso wichtig ist wie das eigene Mitwirken und dass Verantwortung kein abstrakter Begriff, sondern gelebter Alltag ist. Diese Erfahrungen prägen Menschen, oft ein Leben lang.

Ein Musikverein wird deshalb nicht allein durch musikalische Qualität zu einem Lieblingsort. Er wird es dort, wo Menschen sich willkommen fühlen. Wo neue Mitglieder offen aufgenommen werden, unterschiedliche Generationen selbstverständlich zusammenwirken und jeder unabhängig von Alter, Herkunft oder Lebensweg seinen Platz findet. Ein Lieblingsort entsteht dort, wo Gemeinschaft stärker ist als Individualismus und wo das Wir wichtiger bleibt als das Ich.

Diese Kultur wächst jedoch nicht von allein. Sie braucht Menschen, die bereit sind, Verantwortung zu übernehmen, im Verein ebenso wie im Verband. Deshalb reicht es heute nicht mehr aus, gute musikalische Angebote zu schaffen. Wir müssen das Ehrenamt stärken, Vereinsverantwortliche qualifizieren und die Rahmenbedingungen so gestalten, dass Engagement Freude macht und langfristig möglich bleibt. Wer sich freiwillig für andere einsetzt, verdient Anerkennung, Unterstützung und Verlässlichkeit. Unsere Musikvereine sind deshalb weit mehr als Kulturträger. Sie sind Bildungsorte, Integrationsorte und Schulen der Demokratie. Hier wird erlebt, wie Zusammenhalt entsteht, wie Konflikte gemeinsam gelöst werden und wie aus Vielfalt Gemeinschaft wächst. Gerade in einer Zeit gesellschaftlicher Polarisierung ist das ein unschätzbarer Beitrag für unser Land.

Die Zukunft der Blasmusik entscheidet sich deshalb nicht allein an der Zahl der Konzerte oder der musikalischen Qualität. Sie entscheidet sich dort, wo Menschen sagen: „Hier gehöre ich hin. Hier werde ich gebraucht. Hier bin ich willkommen.“ Wenn unsere Musikvereine solche Lieblingsorte bleiben, dann leisten sie weit mehr als einen kulturellen Beitrag. Sie stärken den gesellschaftlichen Zusammenhalt, fördern das Ehrenamt und geben unserer Heimat etwas, das unbezahlbar ist: lebendige Gemeinschaft.

Ihr

Guido Wolf MdL

Präsident des Blasmusikverbands Baden-Württemberg

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