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FORTE September / Oktober 2026, Thema

Verein und Dirigent: gemeinsam im Takt

Franco Hänle
15. September 2026
Titelbild: Mit Leidenschaft und Freude das Orchester führen.
Foto: Generiert mit künstlicher Intelligenz

Nicht nur Musikerinnen und Musiker sollen sich im Musikverein wohlfühlen – auch für Dirigierende muss der Verein ein attraktiver Ort sein. Aber was brauchen Verein und musikalische Leitung voneinander, damit die Zusammenarbeit gelingt? Und warum sind gegenseitiges Verständnis, Wertschätzung und gemeinsame Ziele dabei so wichtig?

Durch meine Lehrtätigkeit in der Dirigierausbildung komme ich regelmäßig mit angehenden und bereits aktiven Dirigentinnen und Dirigenten ins Gespräch. Dabei interessiert mich besonders, welche Faktoren sie motivieren, die musikalische Leitung eines Vereins zu übernehmen – und welche sie davon abhalten.

Diese Frage ist aktueller denn je. Viele Vereine suchen derzeit händeringend nach einer neuen musikalischen Leitung. Dabei stellt sich die Frage, ob tatsächlich ausschließlich ein Fachkräftemangel vorliegt oder ob auch die Rahmenbedingungen einer Dirigentenstelle dazu beitragen, dass sich potenziell geeignete Personen nicht für die Übernahme eines Vereins gewinnen lassen.

Auch im Austausch mit Vereinsverantwortlichen, die mich bei der Dirigentensuche um Unterstützung bitten, zeigt sich immer wieder: Attraktive Rahmenbedingungen entstehen nicht allein durch ein angemessenes Honorar. Viel gewichtiger sind eine wertschätzende Zusammenarbeit, klare Strukturen und gegenseitiges Vertrauen. Oft sind es gerade diese Faktoren, die darüber entscheiden, ob eine musikalische Leitung gerne kommt – und vor allem gerne bleibt.

Die folgenden Anregungen sollen Vereinen dabei helfen, ihre Zusammenarbeit mit der musikalischen Leitung bewusst zu gestalten – sei es, um eine vakante Stelle erfolgreich zu besetzen oder um den eigenen Dirigenten beziehungsweise die eigene Dirigentin langfristig an den Verein zu binden.

Verlässlichkeit im Orchester

Die wichtigste Unterstützung kommt aus den eigenen Reihen. Regelmäßige, zuverlässige und verbindliche Probenteilnahme schafft die Grundlage für erfolgreiche musikalische Arbeit. Wer verhindert ist, sollte ausschließlich aus höchst triftigem Grund fehlen und dies frühzeitig kommunizieren. Weniger Beliebigkeit bedeutet mehr musikalische Qualität – und sorgt gleichzeitig dafür, dass die Probenarbeit motivierend und zielgerichtet bleibt.

Partnerschaftliche Zusammenarbeit

Eine erfolgreiche Zusammenarbeit lebt von offener, ehrlicher und vertrauensvoller Kommunikation. Vereinsführung und musikalische Leitung sollten gemeinsame Ziele formulieren, diese regelmäßig überprüfen und den eingeschlagenen Weg gemeinsam im engen Schulterschluss verfolgen. Der Dirigent oder die Dirigentin ist dabei nicht Dienstleister, sondern Partner in der Entwicklung des Orchesters und fungiert zudem als Visionär.

Dass die Zusammenarbeit in beide Richtungen funktioniert, setzt auch voraus, dass Dirigierende das jeweilige Orchester und seine Schwerpunkte im Blick haben. Dirigierstudent Dominik Kist weist darauf hin, dass sich die Erwartungen je nach Orchester unterscheiden können: Während bei großen sinfonischen Blasorchestern in der Regel die musikalische Weiterentwicklung des Ensembles im Fokus stehe, sei bei kleineren Musikvereinen häufig auch die Gemeinschaft ein wichtiger Faktor. Deshalb müsse „der Dirigent bzw. die Dirigentin menschlich gut in die Struktur passen“.

Für das Miteinander hält Kist vor allem den persönlichen Austausch für wichtig: „Im Amateurbereich ist man in erster Linie ein Mensch.“ Es helfe daher, mit den Musikerinnen und Musikern zu sprechen und sie kennenzulernen. „Je mehr Austausch, desto besser das Miteinander.“ Und er ergänzt: „Das Worst-Case-Szenario ist, wenn sich freitagabends 60 Menschen für zwei Stunden treffen, ein paar Töne spielen und dann wieder nach Hause fahren.“

Eine Atmosphäre schaffen, in der man gerne probt

Auch die musikalische Leitung selbst trägt dazu bei, ob Musikerinnen und Musiker gerne zur Probe kommen. Dominik Kist hält dabei eine positive Herangehensweise für entscheidend. Seiner Einschätzung nach hören die Musizierenden meist selbst, wenn etwas nicht funktioniert. Statt Fehler lediglich zu benennen, sollte deshalb der Blick darauf gerichtet werden, was noch verbessert werden kann. Entscheidend sei außerdem, wie Kritik vermittelt wird: „Eine oberlehrerhafte oder cholerische Art führt selbst bei inhaltlicher Korrektheit meistens direkt zu einem schlechten Spielgefühl und damit zu schlechter Atmosphäre.“

Dirigierstudentin Antje Langkafel betont ebenfalls den Umgang miteinander. Auch bei Missstimmungen gelte es, freundlich zu bleiben, ruhig und sachlich auf die Musikerinnen und Musiker einzugehen – und sie auch einmal zum Lachen zu bringen.

Kist sieht musikalischen Anspruch und Freude am Musizieren ebenfalls nicht grundsätzlich als Widerspruch. Seiner Erfahrung nach laufen Musikerinnen und Musiker bei Konzerten und Auftritten besonders dann zu Höchstformen auf, wenn ihre Freude am Musizieren beim Publikum ankommt. Ein zu hoher musikalischer Anspruch führe dagegen oft zu einer verkrampften Spielweise. Aus seiner Sicht werde „der ein oder andere kleine Unfall auf jeden Fall verziehen, solange die Spielfreude des Orchesters spürbar ist.“

Klare Zuständigkeiten

Nicht jede Vereinssitzung erfordert die Anwesenheit der musikalischen Leitung. Themen wie Vereinsfeste, Bewirtung oder organisatorische Details können in eigenen Arbeitsgruppen behandelt werden. Der Dirigent bzw. die Dirigentin sollte dort eingebunden werden, wo musikalische Kompetenz gefragt ist und darf auch getrost bei außermusikalischen Themen fehlen.

Entlastung – musikalische und organisatorische Unterstützung

Überspitzt formuliert soll die musikalische Leitung selbstverständlich an sämtlichen Vereinsterminen zur Verfügung stehen und jedes Ständchen dirigieren, gleichzeitig aber damit umgehen können, dass die Anwesenheit der Musizierenden nicht konstant bei 100 Prozent liegt. Eine Stellvertretung an der Seite ist ein großer Mehrwert, sodass bei Krankheit, im Verhinderungsfall, oder auch bei kleineren Einsätzen jemand einspringen.

Gerade aus diesem Grund heraus ist es lohnenswert, infrage kommende Musikerinnen und Musiker zu den C-Lehrgängen der BVBW-Dirigierakademie zu schicken, um genau solche Personen auszubilden. Zudem ist eine feste Ansprechperson, die musikalisch-organisatorische Aufgaben koordiniert, von großer Hilfe. Ob Probenorganisation, Terminabstimmung, Kommunikation oder Notenverwaltung – jede Entlastung schafft Freiräume für das Wesentliche: die musikalische Arbeit.

Wertschätzung zeigen

Wertschätzung äußert sich nicht nur in Worten. Gute organisatorische Unterstützung, ein funktionierendes Notenarchiv, verlässliche Abläufe und ein engagiertes Orchester vermitteln der musi-
kalischen Leitung, dass ihre Arbeit gesehen und geschätzt wird. Gleichzeitig gehört dazu auch die Bereitschaft aller Musikerinnen und Musiker, sich musikalisch weiterzuentwickeln und gemeinsam an den gesetzten Zielen zu arbeiten.

Eine konzentrierte und fokussierte Probenatmosphäre sind Zeugnis von Respekt, Anerkennung und Wertschätzung an die Person, die die musikalische Verantwortung vorne am Pult übernimmt.

Wertschätzung funktioniert dabei in beide Richtungen. Auch Dirigierende müssen berücksichtigen, unter welchen Voraussetzungen Amateurmusikerinnen und -musiker ihrem Hobby nachgehen. Kist verweist darauf, dass das Musizieren im Musikverein – anders als bei professionellen Musizierenden – in der Freizeit stattfindet und jede und jeder selbst entscheiden müsse, wie viel Energie in dieses Hobby gesteckt werden kann. Hinzu kommen unterschiedliche Erwartungen: Für manche stehe die Musik im Vordergrund, für andere die Gemeinschaft. „In einem Verein hat jeder seinen Platz. Das sollte man als Dirigent beachten.“

Ähnlich beschreibt es Antje Langkafel. Bei der Arbeit mit Amateurmusikerinnen und -musikern sei es wichtig, eine verständliche Sprache zu finden, besondere Leistungen zu loben und sich immer wieder in die Amateurwelt einzufühlen. Gleichzeitig gelte es, Herausforderungen gut zu „verpacken“ und zu ermutigen. Beim musikalischen Anspruch setzt Langkafel auf Begeisterung für die Musik und besondere Programme oder Themen, in die sich viele Musizierende persönlich einbringen können. Ihr Ansatz: „fordern, ohne zu überfordern“.

Gemeinsame Ziele und eine gemeinsame Identität

Weder sollte sich eine Dirigentin oder ein Dirigent für einen Verein verbiegen müssen, noch sollte ein Verein seine eigene Identität aufgeben, um der musikalischen Leitung zu gefallen. Erfolgreiche Zusammenarbeit entsteht dort, wo beide Seiten frühzeitig ihre Erwartungen und Ziele offen besprechen und feststellen, dass sie dieselbe musikalische Richtung einschlagen möchten. Sind diese Grundlagen geschaffen, wächst daraus häufig eine langfristige und erfolgreiche Partnerschaft. ))

Von links: Dirigierstudent Dominik Kist, Dozent Franco Hänle und Dirigierstudentin Antje Langkafel sowie weitere Studierende Hänles Klasse gemeinsam mit Oberstleutnant Dr. Tobias Wunderle (rechts), zu diesem Zeitpunkt noch Leiter des Luftwaffenmusikkorps Erfurt.

Bild: privat

 Franco Hänle ist Dirigent, Dozent und Coach. Er leitet unter anderem die Stadtkapelle Ulm sowie das sowie das Nordbayerische Jugendblasorchester. Seit 2023 ist er Dozent für Dirigieren und Blasorchesterleitung an der Staatlichen Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Stuttgart und in der Dirigentenaus- und -weiterbildung der Bläserakademie Baden-Württemberg des BVBW tätig. Zuvor unterrichtete er viele Jahre das Fach Ensembleleitung an der Berufsfachschule für Musik Krumbach.

Franco Hänle

Bild: privat

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