Ehrenamtliches Engagement lebt von Menschen, die Verantwortung übernehmen. Gerade in Zeiten, in denen es vielerorts schwieriger wird, Freiwillige für Vorstandsämter zu gewinnen, tragen oft wenige Personen einen Großteil der Verantwortung. Doch wo Engagement zur Selbstverständlichkeit wird und Aufgaben immer weiter anwachsen, droht Überlastung. Im schlimmsten Fall endet sie im Burnout.
„Ein Burnout ist ein Zustand der völligen Erschöpfung, weil man sich über die eigene Leistungsgrenze hinaus verausgabt hat, ohne sich mit sich selbst und seiner mentalen Gesundheit auseinanderzusetzen“, erklärt Jutta Mettig, Geschäftsführerin des Landesmusikverbandes Rheinland-Pfalz sowie freiberufliche Moderatorin und Trainerin. Die Anzeichen seien vielfältig. Häufig fehle Betroffenen irgendwann schlicht die Energie, Aufgaben zu erledigen oder Entscheidungen zu treffen. Eine klare Trennung zwischen beruflicher und ehrenamtlicher Überlastung hält sie dabei für wenig sinnvoll. „Oftmals hängt beides miteinander zusammen.“
„Die Menschen wollen sich das nicht eingestehen“
Dass das Thema Burnout im Ehrenamt bislang wenig Aufmerksamkeit erhält, erlebt Mettig immer wieder. Aus eigenen Erfahrungen entwickelte sie den Workshop „Burnout im Ehrenamt – bevor die Freude zur Qual wird“. Die Resonanz darauf fiel ernüchternd aus. „Gleich null“, berichtet sie.
Für Mettig zeigt das vor allem eines: Über mentale Gesundheit wird im Ehrenamt noch viel zu selten gesprochen. „Die Menschen wollen sich das nicht eingestehen“, sagt sie. Statt frühzeitig Unterstützung zu suchen, werde häufig versucht durchzuhalten. „Da werden die Zähne zusammengebissen und man versucht zumindest bis zur nächsten Vorstandswahl irgendwie durchzuhalten, um dann zu sagen: Ich bin raus.“
Gerade in bestimmten Generationen sei die Haltung noch weit verbreitet, Belastungen möglichst lange auszuhalten. „Zumindest in bestimmten Generationen gilt das Motto: Kämpfen bis zum Umfallen.“ Probleme würden verdrängt, bis schließlich gar nichts mehr gehe. Nicht selten ziehen sich Betroffene dann plötzlich vollständig zurück. „Und plötzlich reagieren die Betroffenen dann einfach nicht mehr auf E-Mails oder sind generell nicht mehr erreichbar.“
Wenn Verantwortung zur Last wird
Besonders gefährdet sind nach Mettigs Beobachtung Menschen, die im Verein viel Verantwortung tragen. Vorsitzende gehören ebenso dazu wie Kassiererinnen und Kassierer oder Dirigentinnen und Dirigenten. Doch auch Funktionen, die auf den ersten Blick weniger belastend erscheinen, können zu einer erheblichen psychischen Last werden.
Als Beispiel nennt sie Notenwartinnen und Notenwarte. Sie seien oft diejenigen, die versuchen, für jedes Problem eine Lösung zu finden. Fehlen Noten in der Probe, werden sie gesucht. Wurden sie vor einem Auftritt zuhause vergessen, wird erwartet, dass schnell Ersatz beschafft wird. „Da eine Grenze zu setzen, ohne das Gefühl zu haben, man macht seinen Job nicht richtig, ist für viele gar nicht so einfach.“
Besonders kritisch werde es dort, wo sich Verantwortung immer stärker auf einzelne Personen konzentriert. „Das passiert vor allem dann, wenn man als Vorstandschaft eine One-Man- beziehungsweise One-Woman-Show hat.“ Solche Vorsitzenden arbeiteten sich manchmal bis zur Erschöpfung auf. „Sie arbeiten sich teilweise wirklich ins Burnout, weil sie nicht abgeben können – oder wollen.“
Teamarbeit müsse jedoch gelernt werden, betont Mettig. Nicht jede Persönlichkeit bringe automatisch die Fähigkeit oder Bereitschaft mit, Aufgaben zu delegieren und Verantwortung zu teilen.
Klarheit schützt vor Überforderung
Ein wichtiger Schlüssel zur Prävention liegt für Mettig in klaren Aufgaben- und Verantwortungsbeschreibungen. Ehrenamtliche sollten regelmäßig hinterfragen, ob sie tatsächlich noch die Aufgaben erfüllen, die zu ihrem Amt gehören, oder ob sie längst zusätzliche Verantwortlichkeiten übernommen haben.
„Man sollte regelmäßig darüber nachdenken, ob das, was man tut, tatsächlich noch zur Jobbeschreibung für ein bestimmtes Ehrenamt gehört oder ob das schon eine persönliche Auslegung dessen ist.“ Viele Ehrenamtliche legten unbewusst immer noch eine zusätzliche „Schippe“ obendrauf. Aus Hilfsbereitschaft werde dann schleichend eine dauerhafte Zusatzbelastung.
Klare Aufgabenbeschreibungen schaffen nach ihrer Erfahrung Sicherheit – sowohl für diejenigen, die ein Amt ausüben, als auch für die Mitglieder. Sie definieren nicht nur Zuständigkeiten, sondern auch Grenzen. Am Beispiel der Notenwartin oder des Notenwarts könne beispielsweise festgelegt werden, wie mit vergessenen oder verlorenen Noten umzugehen ist. „Das gibt Klarheit für alle Beteiligten und sorgt für eine emotionale Stabilität bei demjenigen, der die Aufgabe im Ehrenamt übernimmt.“
Zugleich helfen transparente Zuständigkeiten dabei, neue Ehrenamtliche zu gewinnen. „Überall dort, wo es klare Aufgaben und Verantwortungen gibt, gehen Menschen eher in eine Ehrenamtsaufgabe als dort, wo nichts klar ist.“ Fehle diese Klarheit, entstehe schnell die Sorge, Erwartungen nicht erfüllen zu können.
Deshalb empfiehlt Mettig, Aufgabenbeschreibungen und Erwartungshaltungen gemeinsam mit dem Verein zu entwickeln. So entstehe ein gemeinsames Verständnis davon, was ein Amt umfasst – und was eben nicht.
Zwischen Bürokratie und finanziellen Sorgen
Neben den individuellen Faktoren sieht Mettig auch äußere Entwicklungen als Belastung für das Ehrenamt. Besonders die zunehmende Bürokratie stellt viele Vereine vor Herausforderungen. Schutzkonzepte, Künstlersozialkasse, Übungsleiterpauschalen, Sicherheitsauflagen oder rechtliche Vorgaben wie das Herrenberg-Urteil verlangen Fachwissen, das viele Ehrenamtliche nicht besitzen.
„Diese Themen haben alle ihre Berechtigung“, betont Mettig. Gleichzeitig seien viele Vorstände mit diesen Anforderungen überfordert. „Ein Vorstand, der damit nicht alltäglich umzugehen vermag, ist oftmals völlig überfordert. Das ist eine enorme Belastung.“
Hinzu kommen finanzielle Sorgen. Steigende Kosten, unsichere Einnahmen und die Verantwortung für die wirtschaftliche Zukunft eines Vereins erhöhen den Druck zusätzlich. Mettig sieht deshalb auch die Verbände in der Verantwortung. Unterstützung müsse verstärkt aus dem Hauptamt kommen – etwa durch Schulungen, Beratungsangebote oder konkrete Hilfestellungen bei komplexen Themen.
Es gibt nicht die perfekte Vereinsstruktur
Häufig wird die Überlastung Ehrenamtlicher allein auf ungünstige Vereinsstrukturen zurückgeführt. Für Mettig greift das zu kurz. Zwar seien sogenannte One-Man- oder One-Woman-Shows problematisch, doch letztlich könne jede Struktur Menschen an ihre Belastungsgrenze bringen.
„Jeder Persönlichkeitstyp hat seine Daseinsberechtigung“, sagt sie. Entscheidend sei, die eigene Persönlichkeit und die eigenen Bedürfnisse zu kennen. Wer gerne im Team arbeitet, könne ebenso überfordert sein, wenn plötzlich alle Entscheidungen allein getroffen werden müssen. Umgekehrt könne auch jemand, der lieber eigenständig arbeitet, unter einer stark teamorientierten Arbeitsweise leiden.
Deshalb, so Mettig, gebe es auch keine ideale Lösung für alle Vereine. „Es gibt nicht die perfekte Vereinsstruktur. Es kommt immer drauf an.“ Umso wichtiger sei eine gewisse Professionalisierung des Ehrenamts. Klare Aufgaben, transparente Verantwortlichkeiten und realistische Erwartungen machten es Menschen leichter, Verantwortung zu übernehmen, ohne sich dauerhaft überfordert zu fühlen.
Vereine funktionieren wie Familien
Ein besonderer Aspekt von Burnout im Ehrenamt liegt für Mettig in der emotionalen Bindung, die Menschen zu ihrem Verein entwickeln. Anders als Unternehmen seien Vereine nicht nur Organisationen, sondern soziale Gemeinschaften.
„Ein Verein funktioniert nicht wie eine Firma, sondern mehr wie eine Familie. Oft steht uns zu viel emotionale Nähe im Weg.“ Genau darin liege einerseits die große Stärke von Vereinen, andererseits aber auch ein Risiko. Wer Verantwortung übernimmt, identifiziert sich häufig stark mit dem Verein und seinen Entwicklungen.
Viele Ehrenamtliche hätten das Gefühl, den Verein nicht im Stich lassen zu dürfen. Werden Ideen ausgebremst oder bleiben gewünschte Entwicklungen aus, entstehe schnell das Gefühl persönlicher Verantwortung. Hinzu komme die Angst vor den Konsequenzen eines Rücktritts. Werde man danach noch als normales Mitglied akzeptiert? Werde über einen gesprochen? Solche Fragen beschäftigten viele Ehrenamtliche.
Besonders deutlich werde dieses Dilemma in Vereinen, die vor großen Herausforderungen stehen. Wenn etwa der aktive Musikbetrieb wegen fehlender Mitglieder gefährdet ist, möchten viele Verantwortliche nicht diejenigen sein, die den Schlussstrich ziehen. „Kein Mensch hat Lust darauf, sich nachsagen zu lassen, den Verein hängen gelassen zu haben und Schuld an dessen Ende zu sein.“
Rational betrachtet sei diese Sorge meist unbegründet. „Natürlich ist das vollkommen unlogisch, aber ein Vereinsgefüge funktioniert ganz häufig nicht logisch.“
Verantwortung gemeinsam tragen
Burnout-Prävention ist deshalb nicht allein Aufgabe der Vorstandschaft. Für Mettig trägt jedes Mitglied Verantwortung für das Vereinsleben. „Ein Verein besteht nicht nur aus der Vorstandschaft, die Aufgaben erledigt, sondern jeder im Verein ist ein Teil des Vereins.“
Das bedeute auch, sich an Aufgaben zu beteiligen, die nicht unbedingt zu den beliebtesten gehören. Mit einem Augenzwinkern beschreibt Mettig ein Muster, das viele Vereinsverantwortliche kennen dürften: „Beim Kuchenbacken oder Salatmachen sind immer alle dabei. Wenn es aber darum geht, einen Anhänger auszuladen, Podeste aufzubauen oder aktiv Mitgliederwerbung zu betreiben, ist die Meldebereitschaft in ganz, ganz vielen Vereinen sehr verhalten.“
Gerade hier müssten Vorstände lernen, Verantwortung zurückzugeben. Wenn sich niemand für bestimmte Aufgaben findet, müsse man die Konsequenzen offen benennen. Meldet sich niemand zum Plakateverteilen, könne das bedeuten, dass weniger Menschen von einer Veranstaltung erfahren. „Wichtig ist, dass man dann die darauffolgende Stille auch aushalten kann.“
Warnsignale erkennen und darüber sprechen
Wenn Aufgaben liegen bleiben oder Verantwortliche zunehmend unerreichbar werden, steckt häufig bereits eine ernsthafte Überlastung dahinter. „Wenn die Vereinsmitglieder bemerken, dass bestimmte Sachen nicht mehr zuverlässig funktionieren, dann ist es meistens schon zu spät.“
In solchen Situationen komme es darauf an, Gespräche ohne Vorwürfe zu führen. „Das Signal muss immer sein: Wir machen uns Sorgen um dich.“ Wichtig sei, dass Betroffene nicht das Gefühl bekommen, bloßgestellt zu werden oder ihr Gesicht zu verlieren. Oft könne es sogar hilfreich sein, wenn eine Person außerhalb der Vorstandschaft das Gespräch sucht.
Die Freude bewahren
Damit es gar nicht erst so weit kommt, empfiehlt Mettig regelmäßige Reflexion. Vorstandschaften sollten nicht ausschließlich über Termine, Veranstaltungen und organisatorische Fragen sprechen, sondern auch darüber, wie es den einzelnen Mitgliedern geht.
Hilfreich seien einfache Fragen: Gibt es eine Aufgabe, die mir Kopfzerbrechen bereitet? Habe ich mich über etwas geärgert? Brauche ich Unterstützung? Solche Check-ins könnten unterschiedlich gestaltet werden – etwa mit einem Gefühlsbarometer oder kurzen Gesprächsrunden. Entscheidend sei, dass die Form zur jeweiligen Gruppe passt.
Ebenso wichtig sei die persönliche Selbstreflexion. Ehrenamtliche sollten sich regelmäßig fragen, ob sie noch ihre eigentlichen Aufgaben erfüllen oder längst zusätzliche Verantwortung übernommen haben. Dabei spiele auch die Motivation eine Rolle. Menschen engagieren sich aus unterschiedlichen Gründen: weil sie Anerkennung erhalten möchten, weil sie Freude am Gestalten haben oder weil ihnen der Verein am Herzen liegt.
Für Mettig beginnt nachhaltiges Ehrenamt deshalb bei der Fähigkeit, die eigenen Grenzen zu akzeptieren. „Nein sagen lernen und dabei kein schlechtes Gewissen haben“, lautet einer ihrer wichtigsten Ratschläge. Ebenso wichtig sei es, sich bewusst zu machen, was bereits erreicht wurde, Unterstützung anzunehmen und zu akzeptieren, dass man ein Amt auch wieder abgeben darf.
Denn letztlich sollte Ehrenamt vor allem eines bleiben: eine Quelle von Sinn und Freude. „Ehrenamt machen wir nämlich nur dann gerne, wenn wir tatsächlich Freude daran haben.“ ))

